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„Craftbier“ und „Reinheitsgebot“ gehen mir gehörig auf die Nerven

„Craftbier“ und „Reinheitsgebot“ gehen mir gehörig auf die Nerven

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Meinung – In den letzten Tagen haben zwei sehr unterschiedliche aber beide für sich lesenswerte Beiträge in der Presse und Blogs mein Interesse geweckt. Zum einen war es der Kommentar von Oli Wesseloh zum Reinheitsgebot (hier nachzulesen bei facebook) und der Kommentar verbunden mit einer Recherche von Sepp „Biersepp“ Wejwar zu einer Studie zum Marktanteil von Craftbier (hier nachzulesen bei Beerkeeper.eu).

Craftbeer Sales USA
Marktanteile Craftbier in den USA – soweit sind wir sicher noch nicht

Aber habe ich nicht oben geschrieben, dass mir „Craftbier“ und „Reinheitsgebot“ gehörig auf die Nerven gehen? Stimmt, ja! Die Begriffe. Fast schon reflexartig löst „Reinheitsgebot“ bei mir einen Hautausschlag aus, wenn es in der richtigen Kombination verwendet wird. Ähnlich ist es, wenn wieder einmal versucht wird, den Begriff „Craftbier“ in eine Definitions-Schablone zu bringen, so wie es bei der Studie, die Sepp hinterfragt hat, sehr zweifelhaft geschehen.

Auch wenn es vermeintlich bei beiden Themen um unterschiedliche Dinge geht – so sind diese Diskussionen doch nur Eines: Ein Versuch der Aus- bzw. Abgrenzung bzw. das Verteidigen eines Jahrhunderte lang gepflegten Stück Geschichte. In keiner der Diskussionen geht es doch hinter den Kulissen noch um das Bier selbst.

Wenn jetzt in einem Zeitungsbericht davon die Rede ist, dass wenn das „Reinheitsgebot“ fallen würde, im nächsten Moment „das Panschen“ beginnen würde, dann kann ich nur darum bitten, man möge mir 5 Länder nennen, in denen für den heimischen Markt „relevant gepanscht“ wird, nur weil es kein Reinheitsgebot gibt. Was soll denn diese Diskussion? Wir haben Lebensmittelhygienegesetze und -verordnungen im großen Stil – glauben aber, wenn das Reinheitsgebot (das ja längst Biersteuergesetz heißt, aber ich verwende es jetzt mal synonym) fällt, morgen Altöl, Cäsium und Fliegenpilze im Bier zu finden sind? Sollte das tatsächlich der Fall sein, dann wäre jede Kritik am Bildungsniveau in Europa berechtigt und wir sollten uns dringend mit anderen Themen beschäftigen.

Tatsache ist doch, dass alles was im Ausland die Anforderungen an Lebensmittel (ausdrücklich inkl. Gentechnik) und gewisse Minimalkriterien an den Bierbegriff erfüllt auch als solches in Deutschland verkauft werden kann. Nur eben nicht von einer deutschen Brauerei nicht. Was so klar wie hirnrissig zugleich ist, das ist doch nur der Spiegel der Machtverhältnisse in der Bierbranche. Gerade wo wir dieser Tage über eine Hochzeit von Braugiganten reden, für die „Mammuthochzeit“ höchstens noch ein Hilfsbegriff ist. Schauen wir uns doch mal die großen Industriebrauereien im deutschsprachigen Raum an. Zusammen ist der Marktanteil dieser Brauer sicher schon heute irgendwo bei 60 – 80% – ja nach Land und Definition. Und wer die Musik bezahlt, der darf auch bestimmen was gespielt wird. Das alte Lied eben.

BraustaettenOesterreich2
Entwicklung Braustätten in Österreich

Man musste sich doch schon etwas die Augen reiben, als jüngst die „Vienna Beer Week“ angekündigt wurde und der Österreichische Brauereiverband tatsächlich hier als Partner mit auftritt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieser von selbst auf die Idee gekommen ist, da aktiv zu werden. Aber auch diesem Verband, der von nicht wenigen Bierfreunden im Dornröschenschlaf befindlich gewähnt wurde, dürfte nicht entgangen sein, dass in den letzten Jahren die Zahl seiner Mitglieder doch recht rasant gewachsen ist. Schuld waren natürlich die vielen neuen Kleinbrauer. Sicher tragen diese (noch) nicht signifikant zum Bierausstoß in Österreich bei, aber zumindest kann man sich einem numerisch deutlich gewachsenen Anteil Mitglieder auch nicht dauerhaft verschließen. Bei aller Euphorie nach außen: Die Kooperation macht auf mich eher einen widerwilligen Eindruck. Zumindest verwundert es doch, dass auf der Homepage des Verbandes keine Pressemitteilung oder Ankündigung zu finden ist. Für eine Veranstaltung, die in einem Monat startet, wohlgemerkt.

Und auch der Biersepp war bei seinen Recherchen nach eigenem Bekunden nicht wirklich überrascht, dass er schon nach wenigen Momenten des Nachfragen auf eklatante Punkte gestoßen ist, welche die Qualität der Studie in unseren, den Augen von Bieraffinados, geradezu lächerlich scheinen lässt. Klar, ist sie auch, und das passiert sicher genauso und in ähnlicher Form bei hunderten und tausenden von Studien jeden Tag. Warum? Weil – vielleicht mit wenigen Ausnahmen wie Sepp – niemand die Systematik hinter diesen Studien hinterfragt. So kann ich heute auch sagen, dass nach einer proBIER.at Umfrage Craftbier einen Anteil von 100% in Wien hat. Glaubt keine Sau. Aber meine Studienteilnehmer waren „deutschstämmige Bierblogger über 40 Jahre, die einen Audi fahren“. Der Statistiker nennt diese relevante Größe „Grundgesamtheit“. So und damit stimmt meine Umfrage aber punktgenau. Sie ist weder signifikant noch repräsentativ – aber wer fragt denn danach? Diese Grundgesamtheit zu hinterfragen, macht schon bei den meisten Studien durchaus einen Sinn – und es hat meist auch gute Gründe, warum diese auch mal nicht veröffentlicht wird. Studien geben also zu einem hohen Prozentsatz immer nur das wieder, was der Auftraggeber transportieren will.

Definition USA Craftbier
US Craftbier Definition der BA

In Sepps Fall war aber das viel größere Problem, die zumindest hier in Europa nicht vorhandene Definition von „Craftbier“. In den USA ist die „Brewers Association“ [BA] hier schon einen Schritt weiter. Man kann deren Craftbier Diskussion nun gut finden oder nicht, aber die Definition ist wenigstens klar. Und als Lagunitas jüngst von Heineken geschluckt wurde: Bumms! Man konnte sagen: „Ihr gehört jetzt nicht mehr dazu.“ – Nochmal, das kann man gut finden, muss man aber nicht, aber es würde zumindest die vorgenannte Grundgesamtheit etwas besser festlegen. Und die Marktanteilstudien in den USA sind dann so schlecht nicht – zumindest glaubt man sie nach dem zweiten Mal lesen in der Regel noch. Hach was bin ich leichtgläubig!

Und jetzt kommen wir wieder zurück zum Reinheitsgebot – ist schon fast etwas in Vergessenheit geraten, gell. Aber hier treffen sich die Wege dann wieder. Die Brauereiverbände vertreten in Österreich und Deutschland nunmal alle Brauereien. Von diesen Brauereien ist aber nur ein Bruchteil (am Jahresausstoß gemessen) dem wie auch immer definierten Craftbier Sektor zuzuordnen. Und ihr ahnt es schon: Genau: Wer die Musik bezahlt, der bestimmt auch was gespielt wird. Ohne die Brauereiverbände wird es niemals eine akzeptierte und „gültige“ Craftbier Definition geben und auf das Reinheitsgebot lässt man sich auch nichts kommen. Hat knapp 500 Jahre super funktionier, da werden wir die paar gallischen Dörfer auch noch überleben. Auch wenn es viele werden.

Zu Recht! Ich glaube nämlich auch nicht, dass der gesamte Biermarkt vor einer grundlegenden Umstrukturierung steht. Der „Ottonormalbiertrinker“, der vermutlich 95% der Bierkonsumenten ausmacht, wird auch in 20 Jahren a) noch existieren und sich b) einen Scheiß dafür interessieren, wie sein Bier hergestellt wurde. Und ja, vielleicht wird das was wir „Insider“ heute als Craftbier bezeichnen einen Marktanteil von 10% in 20 Jahren haben, die großen Konzerne wird das aber herzlich wenig jucken. Warum? Weil Themen und deren Effekte wie der allgemeine Rückgang im Bierkonsum und Fusionen wie SABMiller und ABInBev und globale wirtschaftliche Faktoren viel schwerer wiegen. Und wenn doch mal wieder wer zu groß wird, dann wird er eben vom Markt gekauft und taucht in der Statistik wieder woanders auf. Wenn mir heute jemand 5 Millionen für meine Kleinbrauerei bietet – ich glaube es gäbe Wenige, die da wirklich lange überlegen würden. Und die wenigen Idealisten, die doch, die fallen dann in der Statistik auch nicht unangenehm auf.

Reinheitsgebot 1516
Reinheitsgebot von 1516

Und somit sollten wir stolz sein auf das Reinheitsgebot, das vermutlich in 9 von 10 US amerikanischen Brauereien hängt und verehrt wird. Wir sollten uns aber von dem Glauben verabschieden, dass die Craftbierkonsumenten in näherer Zukunft eine wirklich relevante Masse auf die Strasse bringt, die dagegen auf die Barrikaden geht. Schön wäre es, wenn das „Reinheitsgebot“ als marketingtechnische Begrifflichkeit erhalten bleibt. Jeder der will kann sich damit schmücken. Aber im Biersteuergesetz hat Brauerromantik und Geschichtsverbundenheit einfach nichts mehr verloren. Und irgendwann wird jemand wirklich mal die Frechheit haben und dagegen klagen und vermutlich Recht bekommen.

Warum das nicht schon heute passiert? Ich glaube, weil Brauereiverbände sicher nicht Kläger und Beklagte in einer Person sein werden und ein solcher Prozess auch eine nicht zu unterschätzende Kostenseite mit sich bringt. Ginge es nicht einen Brauereiverband der Kleinbrauer zu gründen? Vielleicht erstmal auf nationaler Ebene und nicht gleich eine „globale“ Vereinigung. Zumindest würde sich das Prozessrisiko erheblich geringer ausmachen. Die amerikanische „Brewers Association“ ist ja auch erst 2005 gegründet worden und war explizit ein Zusammenschluss von Klein- und Heimbrauern, um deren Interessen zu vertreten.

Bis es dann aber soweit ist, so lange nehme ich mir das Recht heraus von jeder Craftbier Definitions Diskussion und Reinheitsgebots Philosophiererei einfach nur massiven Ausschlag zu bekommen. Es ist Energie, die immer in tollen, guten und wichtigen Einzelaktionen auftritt, aber nie gebündelt zum Ziel gelenkt wird. Mich muss niemand mehr überzeugen. Aber hier kochen wir im eigenen Sud. Und ich bin sicher kein Freund von allzu viel Regulierung und Festlegung, aber die Branche der Kleinbrauer tut sich nach meiner Auffassung langfristig einfach keinen Gefallen, wenn es eine solche regulative und bündelnde Instanz nicht gibt. Auf den steten Tropfen zu setzen, das klappt hier aus meiner Sicht nicht. Aber vielleicht fehlt mir auch nur der tiefere Einblick.

Ich gehe jetzt ein Bier trinken – schönen Abend: Prost!
Euer Martin