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Belgisches Bier – ich bin infiziert!

Belgisches Bier – ich bin infiziert!

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Zugegeben ich hatte keine Ahnung von belgischen Bieren. Von Sauerbieren ganz zu schweigen. Dabei war es nicht einmal Ignoranz oder Ablehnung. Es waren einfach immer mehr amerikanische gut gehopfte Biere in meiner Nähe, die mich lockten, so dass dieser Teil der Bierwelt dann doch ziemlich an mir vorbei gegangen ist.

Hätte man mich zu dem Zusammenhang von Geuze und Lambic befragt, ich hätte vermutlich nur eine schwammige Antwort parat gehabt. Kriek? Ja, das süße Zeug mit Kirsche. Trappistenbiere? Ja, schon mal gehabt. Klar, mir ist schon mal ein Dubbel, Triple oder Quadrupel untergekommen, aber wirklich bewusst war keines dabei. Ein Witbier, zumindest aus amerikanischen Craftbierschmieden, das gab es dann schon hin und wieder mal.

Wenige Zeilen, die meine völlige Ahnungslosigkeit und das ganze damit verbundene Elend bei mir recht präzise beschreiben.

Spätestens als die UNESCO 2017 belgisches Bier zum immateriellen Weltkulturerbe erkoren hat war mir klar: Vermutlich verpasst du hier wirklich was.

Nur wie geht man so ein Thema an, das man nur der Überschrift nach beschreiben kann. Eine Einladung von Flandern Tourismus zu einer Pressetour kam da gerade recht und war so etwas wie der Tritt in den Hintern. Vier Tage lang haben wir die Gegen um Brüssel erkundet und die Biere kennengelernt. Ja und auch lieben gelernt! Ich kann von mir behaupten, dass ich nicht nur einiges über das belgische Savoir vivre erfahren habe, sondern meine bisher indifferente Meinung zu den Bierstilen überdacht habe.

Dabei möchte man meinen, dass gerade die Bierstile wie Lambic und Geuze mit jahrhundertealter Tradition, in Belgien hochgelobt werden. Das Gegenteil ist aber überraschenderweise der Fall, denn auch hier hat erst vor ein paar Jahren eine Rückbesinnung auf die alten traditionellen Biere stattgefunden, denn Lambic und Geuze standen kurz vor dem Aussterben.

Aber welche Biere fallen uns denn ein, wenn wir an Belgien denken? Zum einen sind es sicher die Trappisten Biere oder auch Abtei Biere, die in den Klöstern der Trappisten Mönche, oder zumindest in deren unmittelbarem Umfeld nach strengen internationalen Regeln gebraut werden und zu Gunsten der Arbeit des Klosters dann verkauft werden.

Hier ist Trappisten Bier auch eigentlich kein Bierstil, sondern bezieht sich strenggenommen auf den Ort der Herstellung – das Trappisten Kloster. In der Regel werden in diesen Klöstern aber eher schwere und hochprozentigere Biere gebraut, die dann auch gerne einmal einen zweistelligen Alkoholgehalt haben können.

Als Bierbezeichnung findet man dann auf diesen Bieren ein Tripel oder Quadrupel geschrieben und damit macht man auch in der Bezeichnung keinen Hehl aus der Stärke in der Flasche. Nicht selten sind diese Biere aber für den mitteleuropäischen Gaumen dann doch ein etwas heftigerer Einstieg, so dass der erste Kontakt in die belgische Stilwelt leichter mit einem Witbier, Blonde oder einem Saison einhergeht.

Für strenge Verfechter des Reinheitsgebotes mögen diese Biere kaum genießbar erscheinen, sind doch z.B. im Falle des Witbiers Orangenschale und Koriander fast fixe Bestandteile der Zutatenliste, so eröffnen sie doch eine völlig neue Welt des Gärprozesses. Stichwort: Spontanvergärung durch Brettanomycis Hefen, die bei Saison Bieren durchaus mal im größeren Stile vorkommen. Auch der hohe Endvergärungsgrad vieler dieser Hefestämme führt zu einer Trockenheit dieser Biere, die für unseren Gaumen eher ungewöhnlich sind. Erfrischend sind diese Biere aber alle und das sollten sie ja auch sein, denn ursprünglich waren es Farmarbeiter, die im Sommer mit Bier bei Laune und Kräften gehalten wurden.

Überhaupt nehmen viele moderne Interpretationen – gerade auch in den USA – diese alten Bierstile wieder auf und setzen bei der Verwendung der genannten und anderer Gewürze und Kräuter sich und den Konsumenten wenig bis keine Limits.

Auch wenn viele der bereits genannten Biere zum Teil mit einer stattlichen Menge an Säure daherkommen, die richtigen Sauerbiere sind Geuzen. Eine Geuze – quasi die Mutter aller Sauerbiere – kann nur aus einer Brauerei kommen, die das Bier in einem bestimmten Umkreis um Brüssel herum braut und die wilden Hefen des Sennetals bezieht. Dabei ist die Senne der kleine Fluß, der durch die belgische Hauptstadt fließt und auch für eine sehr moderne Brauerei, die bei der heurigen Novemberausgabe des Craft Bier Festivals mit dabei ist, namensgebend ist: Brasserie de la Senne.

Dabei kann man eine Geuze selbst gar nicht brauen, denn sie ist immer ein Blend aus drei Jahrgängen Lambic. Lambic ist ein Bier, das aus Gerstenmalz, unvermälztem Weizen und Hopfen eingebraut wird. Der Hopfen spielt bei diesem Bierstil jedoch eigentlich keine wesentliche Rolle.

Die eigentliche Arbeit verrichten geschmacklich in diesem Bier die Brettanomyces Hefen der Stämme Lambicus und Bruxellensis, die ihren Weg in die Würze in den auf dem Dach der Brauerei befindlichen Kühlschiffen finden. Dies ist eben auch der Grund, warum die Herstellung geografisch begrenzt ist. Natürlich haben Hefelabore diese Stämme längst isoliert und bieten diese Kunden weltweit für die Herstellung dieser Biere an. Im Falle der belgischen Brauereien wird durch die spontane Infektion mit diesen Hefen so aber ein nicht künstlich reproduzierbares Qualitätsmerkmal geschaffen.

Auf der anderen Seite sind die Ergebnisse – trotz jahrelanger Erfahrung – nicht immer hundertprozentig präzise vorhersagbar. So kommt dem Braumeister nicht nur beim Brauen eine große Verantwortung zu, sondern auch beim Erstellen des Blendes für die Geuze. Mit ein Grund, warum diese Tätigkeiten mitunter nicht durch die gleiche Person vorgenommen werden, denn hier treffen tatsächlich zwei Kunstformen aufeinander.

Ziel des Blendens ist es, die unterschiedlichen Jahrgänge von Lambic zu einer geschmacklich konstanten und für die jeweilige Brauerei typischen Geuze zu mischen. Dabei sind die Grenzen der geschmacklich wahrnehmbaren Säure derartig unterschiedlich ausgeprägt, dass je nach Braustandort von leichter Sauerkeit bis hin zu wirklich herausfordernder Säure alles vertreten ist.

Verschneidet man unterschiedliche Lambic Jahrgänge nicht miteinander, sondern versetzt diese mit Sauerkirschen, so entsteht der Kriek. Dabei ist das Kriek, das vor Ort getrunken wird, vielfach nicht mit dem Kriek zu vergleichen ist, den wir im nicht-belgischen Ausland kaufen können. Die Knappheit an Sauerkirschen hat vielfach dazu geführt, dass nicht mit Frischfrucht, sondern mit Sirup gearbeitet wird. Nicht zuletzt deshalb hat Kriek bei einigen Bierliebhabern keinen guten Ruf. Achtet man aber beim Kauf oder Bestellung auf die häufig verwendete Bezeichnung „Oude Kriek“, so erhält man sicher ein Bier, das mit Frucht hergestellt wurde und bei dem auf den Zusatz von Zucker und Sirup verzichtet wurde.

Das die Wiederauferstehung der lokalen Bieridentität mehr als gelungen ist, das zeigt sich auch an dem Festival „De Nacht van de grote Dorst“, das seit 14 Jahren stattfindet und in den letzten Jahren immer mehr Sauerbier Freaks aus der ganzen Welt anlockt, die tatsächlich Flüge um den halben Erdball auf sich nehmen, nur um an diesem alle zwei Jahre stattfindenden Stelldichein der klassischen Lambic und Geuze Brauereien, die sich an drei Händen abzählen lassen, teilzunehmen.

Am diesen Wochenende stattfindenden Craft Bier Festival ist Flandern als Gastregion vertreten und Brauereien aus der Brüsseler Gegend präsentieren an unterschiedlichen Stellen ihre Biere. Gute Gelegenheit, um sich die klassischen Geuzen und Lambics einmal anzusehen. Aber auch die jungen Wilden sind mit der Brasserie de la Senne vertreten. Die Bier Punks aus Brüssel liefern mit eigenen Interpretationen der klassischen belgischen Bierstile nicht nur genug Gesprächsstoffe für die Verfechter des klassischen belgischen Brauens, sondern auch echt tolle Kreationen. Etwas, das man beim Stichwort Reinheitsgebot in Deutschland vielleicht auch genau so kennt.

Zusammengefasst sind belgische Biere etwas, an das man sich vielleicht nicht ganz ohne Begleitung und Anleitung heranwagen sollte. Aber eine Erfahrung, die jeder Bierfreund einmal gemacht haben sollte. Vielleicht im Rahmen einer Bierreise – die Gelegenheit sich über Flandern als Reisedestination zu informieren ist auch auf dem Craft Bier Fest an einem eigenen Stand von Visitflanders gegeben.

In diesem Sinne: Santé! und wir sehen uns.

Alle Fotos © Visitflanders